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Henning Köhler

Von ängstlichen, traurigen und unruhigen Kindern

Grundlagen einer spirituellen Erziehungspraxis

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Inhalt

Vorwort zur achten Auflage

Vorbemerkungen zur fünften Auflage

Vorwort zur ersten Auflage

1. Grundfragen einer spirituellenErziehungspraxis

Hilfe aus der Nacht

Antwortet der Engel?

Die Fragen des Brückenwächters

Wenn der Leib für die Seele zu kalt ist …

Kühler Kopf und warmes Herz

Was ist «Moralerziehung»?

Der Wahrnehmungsprozess als weltschöpferischer Prozess

Die Nachahmung und das Verlangen nach dem Guten

2. Auf den Spuren des Lebenssinnes

Vorbemerkungen

Vom «Urbehagen»

Randbemerkungen zum schwierigen Thema «Lebenssinn»

Der positive, ruhige Wachzustand und das «Weltprinzip Güte»

Lebensrhythmen und Daseinsvertrauen

Das unruhig-nervöse Kind

Die Pflege des Lebenssinnes als Erlösung des Atems

Erziehung und Selbsterziehung: Die Toleranz

3. Auf den Spuren des Tastsinnes

Die Haut als Sinnesorgan

Zur Charakteristik der Tastwahrnehmung

«Durchdrungensein mit dem Gottgefühl»

Tastsinn und Weltinteresse: Differenz, Resonanz, Evidenz

Menschenkunde und Erziehungspraxis

Was heißt «verstehen …»?

Das liebende Weltverhältnis

Nähe und Verletzlichkeit

Das «im Raum begrenzte leibliche Selbst»

Von der Erdenankunft

Erziehung und Selbsterziehung: Die Fürsorglichkeit

Das latente Trauma des ängstlichen Kindes

Leibes- und Sozialsinne – von erworbenen Ängsten

Das ängstlich-zaghafte Kind: Beobachtungen

Vorbereitungen für den Schlaf und Tagesbeginn

Erziehung und Selbsterziehung: Der «positive Blick»

Das ängstlich-zaghafte Kind: Weitere Beobachtungen

Zusammenfassung: Vom Umgang mit unruhigen und ängstlichen Kindern

4. Auf den Spuren des Bewegungs- und Gleichgewichtssinnes

Vorbemerkungen

«Empfindung des eigenen freien Seelischen»

Das «Autonymitätsgefühl»

Der verborgene Kompositeur

Von der seelischen Feinabstimmung

Bewegungsgestalt – Seelengestalt

Empathie und Mitleidskraft

Falsche Schlussfolgerungen – von erschwerten Entwicklungsbedingungen

Das traurig-grüblerische Kind: zur Charakteristik latenter Bewegungssinn-Störungen

Hintergrund: Frühkindliche Nachahmungsschwäche

Vom Engel berührt: die unbewußten Sehnsüchte des Kindes

Vom Umgang mit traurig-grüblerischen Kindern

Geformte Sprache – sinnvolle Gebärde

Erziehung und Selbsterziehung: Die Mitleidskraft

Der Gleichgewichtssinn

Die Erlösung der Arme und Hände

Gleichgewichtssinn und Urteilskraft

Seelengleichgewicht und Gerechtigkeitssinn

«Die Gnadengabe des Gehens»: von der Führungsrolle des Gleichgewichtssinnes

Seelengleichgewicht und Selbstwertgefühl

Zusammenfassung: Richtlinien für traurig-grüblerische Kinder

Schlusswort: Pädagogik und Ethik

Literaturnachweis

Vorwort zur achten Auflage

Mit bislang über dreißigtausend verkauften Exemplaren der deutschen Ausgabe und Übersetzungen in mehrere Sprachen fand keines meiner Bücher so viel Verbreitung wie dieses. Es ist eine Schrift aus der werkbiografischen Jugendzeit, das merkt man. Doch als allgemeinverständlicher Beitrag zur Sinneslehre sowie zu gewissen Einseitigkeiten des Verhaltens und der Entwicklung, die auf Unsicherheiten im basalen Sinnesfeld hindeuten, behält sie auch nach zwanzig Jahren ihre Berechtigung.

Neu war damals, was ich über die Zusammenhänge zwischen Sinnesreifung und sozial-emotionaler Entwicklung ausführte sowie darüber, dass Sinnespflege nicht zuletzt eine Frage der inneren Haltung des Pädagogen ist. Ich bezog unspezifische Ängste vornehmlich auf den Tastsinn, Unruhezustände und chronische Unzufriedenheit auf den Lebenssinn, Schwermut und Kontaktarmut auf den Bewegungssinn, extreme seelische Schwankungen («bipolare Störungen» sagt man heute) auf den Gleichgewichtssinn – nicht unbedingt kausal, doch in jedem Fall korrelativ. Mit dieser Grobeinteilung und den aus ihr abgeleiteten pädagogisch-therapeutischen Richtlinien zu arbeiten hat sich bewährt. Viele Rückmeldungen bestätigen das.

Je genauer man hinsieht, desto komplexer stellen sich die Dinge allerdings dar. Heute untergliedere ich jeden der basalen Sinne in drei Aspekte: den autoperzeptiv-körperbezogenen, den seelisch-kommunikativen und den spirituellen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, wie im Kleinkindalter bestimmte Fähigkeiten des erkennenden Fühlens die basale Sinnesreifung beeinflussen. Der Eigenbewegungssinn zum Beispiel erfährt eine Verwandlung, wird auch «Mitbewegungssinn» durch seine enge Beziehung zu dem angeborenen Auffassungsvermögen für das Musikalisch-Sprachliche. Vielleicht finde ich demnächst Zeit, etwas über diese Zusammenhänge schriftlich niederzulegen. Vorläufig müssen sich Interessierte mit einer dazu bereits andernorts publizierten Audio-Version begnügen.*

Nicht zuletzt erklärt sich der Erfolg des vorliegenden Buches wohl daraus, dass in ihm freimütig über Engel gesprochen wird, und zwar auf eine Art, die auch Menschen akzeptieren können, denen normalerweise nicht einfallen würde, dergleichen in Betracht zu ziehen. (Rezensionen im Netz belegen es.) Ich bitte allerdings, bezüglich des Engelwirkens das Vorwort zur fünften Auflage zu beachten.

Die «Brückenwächterübung» hat erstaunliche Kreise gezogen. Viele fanden in ihr eine Möglichkeit, Ohnmachtsgefühlen zu entrinnen; wieder Handelnde zu werden, als alle Handlungsmöglichkeiten ausgeschöpft schienen; besser gesagt: den Handlungsschauplatz zu verlagern; die innere Ebene der pädagogischen Beziehung zu eröffnen.

Frühjahr 2014

Henning Köhler

*Pädagogische Sinneslehre Teil I und II, Verlag Netzwerk Auditorium. Ich bin noch lange nicht fertig mit dem Thema. Man stößt im Verfolg dieser Dynamiken an Grenzen des Sagbaren, möchte nur noch poetisch sprechen. Der Hörer wird das bemerken.

Vorbemerkungen zur fünften Auflage

Vor sieben Jahren erschien dieses Buch. Mit bisher rund 20.000 verkauften Exemplaren und Übersetzungen in mehrere Sprachen (Niederländisch, Italienisch, Französisch, Englisch) kann es als bescheidener Erfolg bezeichnet werden. Viele sagen, keines von meinen Büchern habe eine so hohe praktische Relevanz. Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Schließt man in den Praxisbegriff die Ebene des «inneren Handelns» ein – und das ist ein Kernanliegen der Anthroposophie –, liefern meine späteren Bücher «Schwierige» Kinder gibt es nicht und Was haben wir nur falsch gemacht? sicherlich mehr praktische Anregungen. Das sind Übungsbücher. Auch Von ängstlichen, traurigen und unruhigen Kindern ist schon teilweise ein Übungsbuch, vor allem jedoch ein allgemein verständlich gehaltenes Lehrbuch zur Sinnespädagogik und Sinnespsychologie. Als solches hat es, meine ich, einige neue Akzente gesetzt.

Alles, was zur Vertiefung der Sinneslehre vorgebracht wird, kann ohne Abstriche stehen bleiben. Hätte ich das Buch noch einmal zu schreiben, würde ich vielleicht noch einige Kapitel zur Sinnesphysiologie anfügen. Andererseits kann man die neurologischen Aspekte auch anderswo nachlesen, z.B. bei A. Jean Ayres, Bausteine der kindlichen Entwicklung. Es ist nur eben wichtig, bei solcher Lektüre immer im Blick zu behalten, dass die Dinge nicht im Lichte eines spirituellen Menschenbildes dargestellt werden. Es gehört zu den größten Täuschungen zu glauben, Tatsachen seien einfach Tatsachen. Erst die geistige Beleuchtung schafft Wirklichkeit. Was in der Sprache des neurobiologischen Reduktionismus z.B. als propriozeptives System bezeichnet wird, entspricht dem Eigen- und Mitbewegungssinn der anthroposophischen Sinneslehre – und ist doch wieder etwas ganz anderes.

Ein besonderer Umstand muss noch hervorgehoben werden. Zwischen der Niederschrift dieses und des darauffolgenden Buches «Schwierige» Kinder gibt es nicht erlebte ich so etwas wie einen inneren Umbruch. Ich musste mich in meinem pädagogischen Sehen und Denken neu orientieren. Kurzzeitig geriet alles aus dem Gleis. Dann verdichtete sich eine Ahnung zur Gewissheit. Viele, sehr viele Kinder werden heute völlig zu Unrecht als gestört, krank, defizitär etc. etikettiert. Sie sind in Wahrheit hoch spirituell veranlagte Seelen. Jetzt erst ging mir auf, dass verschiedene Äußerungen Rudolf Steiners, die ich bislang nur beiläufig zur Kenntnis genommen und eher metaphorisch aufgefasst hatte, ganz konkret in diese Richtung deuteten.

Unter uns sind die neuen Kinder Zukunftsboten, Beauftragte. Was sie mitbringen und zu erleiden haben, ist nur vor dem Hintergrund einer spirituell erweiterten Weltauffassung zu verstehen. Es verhält sich nicht so, dass mir plötzlich verborgene Zusammenhänge offenbart worden wären oder etwas in dieser Art. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Suchender, der an den Erkenntnisgrenzen sein Lager aufgeschlagen hat und auf die seltenen, kleinen Gelegenheiten wartet, etwas zu erhaschen von dem, was auf der anderen Seite vor sich geht. Und dann hilft mir Rudolf Steiner (nicht nur er, aber er ganz besonders), das Erhaschte wenigstens andeutungsweise zu verstehen. Im Zusammenhang mit den neuen Kindern sind Steiners Aussagen über die Christusnähe «im Ätherischen» – das heißt im Bereich der flutenden Bildekräfte und grenzenlosen Gestaltungsmöglichkeiten – von hoher Bedeutung. Die Durchdrungenheit der unmittelbar angrenzenden übersinnlichen Sphäre mit reiner Liebekraft kann nicht ohne Auswirkung auf die Verfassung der sich inkarnierenden Seelen bleiben. Im Allertiefsten beeindruckt von dieser Schwellenerfahrung betreten sie die Erde und erleben das geistige, soziale Klima der Zeit wie einen Kälteschock – obwohl es ja gerade ihre tiefste Intention ist, die Eiskruste aufzuschmelzen, die über dem gegenwärtigen Kulturleben liegt. Wir befinden uns in der paradoxen bewusstseinsgeschichtlichen Situation einer – durch die Nazi-Barbarei ausgelösten? – nie dagewesenen spirituellen Agonie bei gleichzeitiger (ebenfalls nie dagewesener) greifbarer Nähe dessen, was Joseph Beuys als «christliches Potenzial» oder «evolutionäres Wärmeprinzip» bezeichnete. Steiner hat dies exakt für unsere Zeit vorausgesagt. Er kündigte den Triumph des Geistes der Maschine («Ahriman») an, zugleich aber auch, im Hintergrund, das Heraufkommen einer Spiritualität des Herzdenkens, mithin eine Abkehr von der seelenlosen Intellektualität, vom nützlichkeits-, zweck- und funktionalitätsorientierten vordergründigen Zeitgeist. Und ich müsste ihn schon grandios missverstanden haben, wenn die Annahme falsch wäre, dass er uns an verschiedenen Stellen seines Vortragswerkes sagen wollte, dass mehr und mehr Menschen mit einem entsprechend veränderten Wesensgefüge zur Welt kommen würden – nicht als «Funktionsgestörte», sondern als Wegbereiter eines neuen Bewusstseins.

Ich lernte begreifen, dass sich hinter sogenannten Dysfunktionen vielfach besondere Begabungsprofile verbergen, die schmählich verkannt werden und denen gegenüber gerade deshalb eine «Rettungstat» (Steiner) zu vollbringen ist. Wir müssen die defektfixierten Deutungsmuster hinter uns lassen und nun wirklich jenen Bewusstseinswandel ins Werk setzen, den Steiner und andere zu Beginn des 20. Jahrhunderts anstoßen wollten. Es gibt heute außerhalb der Anthroposophie sehr beachtliche Bestrebungen in diese Richtung. Überall auf der Welt erheben sich kompetente Stimmen, die darauf hinweisen, dass sich im pädagogisch-therapeutischen Raum die schleichende Katastrophe eines gigantischen Missverständnisses vollzieht. Dort finden wir unsere Bündnisgenossen – und nicht in den Kreisen, die den akademischen Status quo repräsentieren.* Alle, die mit dem hier nur Angedeuteten spontan etwas anfangen können, sind aufgerufen mitzuhelfen, dass sich ein schützender Kreis um die betreffenden Kinder bilde. Es geht darum, einer groß angelegten Diffamierungskampagne entgegenzutreten, die sich den suggestiven (aber falschen) Anschein wissenschaftlicher Erwiesenheit gibt. Die Sache ist ernst. Wir treten hier nicht in irgendeine «spannende Debatte» ein, sondern stehen an einer epochalen Schwelle. Nicht zuletzt von unserer Einstellung zu den auffälligen Kindern hängt es ab, welches Menschenbild sich in der zweiten Phase der Moderne durchsetzen wird – das maschinelle oder ein ethisch-spirituelles.

Als ich vor acht Jahren an der Niederschrift des vorliegenden Buches saß, waren mir diese Zusammenhänge nur ahnungsweise bewusst. Deshalb benutze ich Wendungen aus dem defektologischen Wörterbuch noch recht unbefangen. Natürlich führte mir schon damals der Geist absoluter Achtung vor den besonderen Kindern und ihrem Leid (ich bestreite ja auch heute nicht, dass sie leiden, ganz im Gegenteil!) die Feder. Aber die tiefere Sinnhaftigkeit des Geschehens hatte ich noch nicht – beziehungsweise nur wie durch einen Schleier – erkannt. Und so kam es, dass ich einen mehr als nur marginalen Fehler beging: Die Passagen, in denen es heißt, die ungewöhlichen Kinder seien zu schwach mit ihren Engelwesen (man könnte auch sagen: mit ihren transpersonalen Wesensschichten) verbunden, kann ich in dieser Form heute nicht mehr vertreten. Alles andere über den Zusammenhang von Sinnesentwicklung und Engelwirken Dargelegte behält seine Gültigkeit. Aber inzwischen ist mir klar, dass ich zu stark auf einen Aspekt insistiert – und dadurch andere Aspekte übersehen – habe. In gewisser Hinsicht verhält es sich genau andersherum als ich damals glaubte. Die besonderen Kinder geben uns gerade deshalb so viele Rätsel auf, weil sie mit außerordentlicher Hingabe auf die Botschaften aus dem engelinspirierten Überbewussten lauschen beziehungsweise überaus wahrnehmungsfähig sind für die Obertöne der «Musik», die im gewöhnlichen, sinnesgebundenen Bewusstsein spielt. Andererseits fühlen sie sich eben gerade wegen dieser ausgeprägten spirituellen Empfänglichkeit auch in hohem Maße von «dunklen» Kräften bedroht, womit ich nicht irgendwelche Gespenster meine, sondern die zwischen den Menschen knisternden destruktiven Energien, den antisozialen Grundzug der Zeit, die Vormacht des Geistes der Maschine. Hier fehlt den neuen Kindern, auch wenn sie behütet aufwachsen, oft der natürliche Schutz. Deshalb sind sie bei Weitem nicht so gefährdet, wie man auf den ersten Reflex annehmen möchte. Vor allem dann nicht, wenn es in ihrer Umgebung ein paar Menschen gibt, die nicht auf sie hinschauen wie auf «erbkranken Nachwuchs» (genetisch bedingte Hirnstoffwechselstörungen), sondern ihre Originalität und ihren Reichtum erkennen.

Diese hier nur angedeuteten Zusammenhänge sprechen nicht dagegen, sondern lassen im Gegenteil noch plausibler erscheinen, dass im Zusammenhang mit zivilisationsbedingten Entwicklungserschwernissen und heranbrandenden bedrohlichen «Zeitgeräuschen» das Engelwirken auf einer bestimmten Ebene abgeschwächt ist. Auf welcher Ebene? Dort, wo die «mich-empfindende Hülle» (Kühlewind), das heißt eine gesunde egoitäre Geschlossenheit und Abgeschirmtheit, auf der Basis eines sicheren Leibgefühls entsteht, wo Erdenreife entwickelt werden soll. Auch dies liegt «im Interesse der Engel». Man könnte sagen: Sie wollen uns einerseits helfen, im körperhaften Sein die rechte Orientierung zu finden, und rufen uns zugleich auf, geistige Wahrnehmungsfähigkeiten auszubilden – den Kontakt zum «Himmel» nicht abreißen zu lassen.

In diesem Buch werden vor allem die Abschwächungen des Engelwirkens in Bezug auf die physisch-leiblichen Daseinsfundamente beschrieben. Mein zuletzt erschienenes Buch (Was haben wir nur falsch gemacht?) hingegen zeigt in erster Linie die andere Seite der Medaille: die spirituelle Unkorrumpierbarkeit dieser Kinder, ihren bewunderungswürdigen Mut, die Himmelskräfte, deren sie teilhaftig sind, zu bewahren und zu verteidigen, ihre Entschiedenheit, sich nicht anpassungshalber verbiegen zu lassen, sondern – unter Inkaufnahme hoher Risiken – die Keime zu legen, die gelegt werden müssen, wenn die Erde für Menschen bewohnbar bleiben soll. Achten wir einmal darauf, welche Ideen und Projekte von «verhaltensgestörten» Kindern angestoßen werden, achten wir darauf, dass ihre besonderen Seelenfähigkeiten zwar in der heutigen Leistungsgesellschaft nichts zählen, aber umso mehr gebraucht werden, um eben dieser Gesellschaft eine humane Zukunftsperspektive zu eröffnen. – Alles Zufall? Na ja.

Meinen neuen Lesern sei an dieser Stelle noch versichert, dass ihnen, obwohl ich von «Engeln» rede, kein schriftlicher Religionsunterricht bevorsteht. Die Rehabilitation des Engel-Begriffs wird im Folgenden so gerechtfertigt, dass es, denke ich, auch diejenigen akzeptieren können, die zunächst skeptisch sind.

Im Mai 2001

Henning Köhler

*Vgl. dazu Georg Kühlewind, Sternkinder (Stuttgart 2001), Henning Köhler, Was haben wir nur falsch gemacht?, Stuttgart 2000, sowie War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört? (Stuttgart 2002), Jedes Kind hat das Recht, so zu sein, wie es ist (Schriftenreihe «Recht auf Kindheit», Vereinigung der Waldorfkindergärten 2001). – Ferner Beiträge von Georg Kühlewind und Henning Köhler in der Wochenschrift Das Goetheanum 11/2001 und die anschließende Debatte.

Vorwort zur ersten Auflage

Die nachfolgenden Ausführungen stellen einen für den Druck überarbeiteten Zusammenschnitt mehrerer Vorträge aus den Jahren 1991 – 1992 dar. Obwohl manche stilistische Glättung und nachträgliche Einfügung nötig war, wurde versucht, den Charakter der freien, direkt an die Zuhörerschaft gerichteten Rede beizubehalten. Ein solcher Text kann natürlich nicht mit einem von vornherein für den Druck bestimmten verglichen werden. Wer strenge Gliederung und systematischen Aufbau für unabdingbar hält, wird Anlass zur Kritik haben. Es finden sich Wiederholungen, Rückkoppelungen und Intermezzi, wie sie für Vorträge und Vortragsreihen eben typisch sind. Ich meine aber, diese Mängel werden ausgeglichen durch die Lebendigkeit des gesprochenen Wortes, von dem auch in der Druckfassung etwas erhalten bleibt. Das Thema des Buches selbst legte die gewählte Form nahe. Man wird bei der Lektüre verstehen, was ich damit meine.

Die Vortragspassagen wurden so zusammenkomponiert und, wo nötig, ergänzt, dass ein fortlaufender, durch nachträglich eingeschobene Kapitelüberschriften aufgelockerter Text entstanden ist. Das Thema ist die sogenannte «basale Sinnesreifung». Sie wird in den Blickwinkel der anthroposophischen Entwicklungspsychologie gerückt und dahingehend vertieft, dass eine Art Typologie kindlicher Verhaltensauffälligkeiten sich abzeichnet, aus der unmittelbare Konsequenzen für die Erziehungspraxis gezogen werden können. Obwohl über diese Konsequenzen gesprochen wird, lag es mir fern, ein pädagogisches Rezeptbuch zu schreiben. Man wird finden, dass es mir im Gegenteil gerade darum geht, die Eltern zur selbstständigen Erkenntnisarbeit zu ermutigen und ihr Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit auch in schwierigen Situationen zu stärken. Meine glücklichsten Stunden als Kindertherapeut und Erziehungsberater sind diejenigen, aus denen ich die Eltern entlassen kann mit den Abschiedsworten: «Sie brauchen mich jetzt nicht mehr.» Die wichtigste Aufgabe der Erziehungsberatung ist es, gemeinsam mit den Eltern pädagogische Menschenkunde zu erarbeiten. Die vorliegende Schrift gibt Einblick in diese Arbeit, wie sie von Seiten der heilpädagogischen Abteilung des Janusz-Korczak-Instituts durch entsprechende interne und externe Veranstaltungen seit Jahren gepflegt wird. Es ist unser Anliegen, die Pädagogik auf die Grundlage einer praxisnahen, aus geschulter Beobachtung und lebendig-liebevollem Denken gewonnenen psychologischen Menschenkunde zu stellen. Hier scheiden sich schon die Geister: Wer glaubt, die Liebe habe im wissenschaftlichen Denken nichts zu suchen, wird sich kaum mit Gewinn auf dieses Buch einlassen können, mit dem ich an meine bisherigen Arbeiten direkt anknüpfe, insbesondere an das Kapitel «Ein kurzer Ausflug in die Sinneslehre» in der zuletzt erschienenen Studie Vom Rätsel der Angst.

Nürtingen / Wolfschlugen, Dezember 1993

Henning Köhler

1. Grundfragen einer spirituellen Erziehungspraxis

Liebe Eltern!

Im Folgenden will ich Sie mit einer vielleicht etwas ungewohnten Sicht auf kindliche Entwicklungsprobleme vertraut machen, die mir gleichwohl von großer Bedeutung, auch in erzieherischer Hinsicht von großer Bedeutung zu sein scheint.

Sie werden ja mit mir einig sein, wenn ich sage, dass wir, um richtig zu handeln, zunächst einmal Leitlinien für unser Handeln brauchen. Das ist im Leben immer so, und es ist auch im erzieherischen Leben, im Umgang mit Kindern so. Natürlich ist die entscheidende Kraft die Liebe, aber man darf nicht in den Fehler verfallen zu glauben, zwischen Herzens- und Erkenntnisangelegenheiten bestehe ein Widerspruch. Das Gegenteil ist wahr. Wenn Liebe zu einem anderen Wesen sich nicht mit dem Bedürfnis verbindet, dieses andere Wesen auch zu erkennen, das heißt zu verstehen und aus solchem Verstehen heraus die richtigen Formen des Umgangs zu finden, dann fehlt der Liebe etwas Wesentliches, dann bleibt sie im Ansatz stecken.

Hilfe aus der Nacht

Eine Leitidee im Sinne einer grundlegenden Einsicht lenkt den inneren Blick in eine bestimmte Richtung, und wenn die Richtung stimmt, nun ja, dann hat man gute Einfälle: Die sogenannte moralische Fantasie wird aktiv und gibt uns «Anweisungen», wie wir in dieser oder jener Situation handeln können. Die richtige Grundeinsicht zu gewinnen obliegt zu einem großen Teil dem intellektuellen Tagesbewusstsein, da müssen wir also wach, mit scharfer Beobachtung (und selbstkritischer Zurücknahme unserer subjektiven Meinung), ich möchte sagen: forschend, im Leben stehen, Zusammenhänge entschlüsseln, Schlussfolgerungen ziehen und so weiter. Die praxiswirksamen, im Alltag brauchbaren Ideen oder Impulse, die sich aus den Grundeinsichten dann ergeben können, fließen uns allerdings in der Regel nicht aus dem Tagesbewusstsein zu, sondern (ganz wörtlich zu verstehen) aus der Nacht! Bei der Umsetzung von Einsichten in kreative Impulse muss noch etwas anderes mitwirken als das gewöhnliche, logische Denken. Es ist evident, dass wir, wenn wir nicht schlafen würden, ganz unfähig wären, diese Umsetzung zu leisten. Wenn Sie vor einem Problem stehen und beschließen: «Ich muss noch mal darüber schlafen», dann liegt diesem Satz ein Erfahrungswert zugrunde. Sie wissen, dass die jeweilige Fragestellung in der Nacht nicht erlischt, sondern dass Sie irgendwie daran weiterarbeiten. Jeder hat schon erlebt, dass dann am nächsten Morgen die Lösung gewissermaßen als Geschenk auf dem Kopfkissen liegt.

Da geht man mit einer zunächst noch recht allgemeinen, schwer ins Praktische übertragbaren Erkenntnis um, trägt sie in sich wie etwas ganz Abgesondertes, was nichts zu tun hat mit dem täglichen Leben, nimmt sie Abend für Abend mit in den Schlaf, ruft sich den Kern der Sache noch einmal vor das verdämmernde Tagesbewusstsein, und eines Morgens erwacht man dann mit einer glasklaren Idee, mit einem Vorsatz: «Ich hab’s! Dies und das muss ich für mein Kind tun, natürlich, warum bin ich nicht längst schon darauf gekommen!» Haben Sie das schon einmal erlebt? Ich bin fest überzeugt davon. Jeder hat hin und wieder solche Erlebnisse; man ist nur manchmal nicht aufmerksam genug, um den Zusammenhang zu sehen. Was macht man zum Beispiel mit der Erkenntnis, dass ein ständig trotzendes, tobendes, sich verweigerndes Kind in Wirklichkeit nur Angst hat? Es ändert ja gar nichts an den tagtäglichen Problemen, dies zu wissen. Aber wenn Sie sich darauf einlassen, jeden Abend fünf Minuten lang eine Art Vorstellungsübung zu machen, indem Sie sich Ihr tobendes, bockiges Kind vor das innere Auge rufen und sich jetzt intensiv in die Lage versetzen, Sie könnten hineinschauen in das Kind und sähen dort ein zitterndes, kleines Vögelchen in panischer Angst in seinem Käfig herumflattern; wenn Sie mit diesem Bild soundso oft einschlafen, verehrte Mutter, verehrter Vater, dann kann es schon sein, dass sich an den tagtäglichen Problemen allmählich etwas ändert, weil Sie, unter Umständen nicht ganz bewusst, also nicht im Sinne einer kühl kalkulierten Verhaltenskorrektur, sondern eher durch ein neues «Fingerspitzengefühl», in vielen Situationen anders reagieren. Das Unterbewusstsein zieht gewissermaßen seine Schlüsse aus dem Bild vom erschreckt herumflatternden Vögelchen, während Sie vielleicht im Oberstübchen noch immer rätseln, was Sie denn nun konkret damit anfangen sollen, dass man Ihnen gesagt hat, Ihr kleiner Trotzbrocken habe in Wirklichkeit Angst.

Sehen Sie, und nun kann es geschehen, dass Sie allmählich Ihren Tonfall, Ihre Stimmlage im Umgang mit dem Kind ändern. Sie sprechen leiser, melodischer mit ihm, nicht mehr so, dass jeder Satz wie ein Pistolenschuss klingt; und Sie achten instinktiv darauf, Ihr Kind möglichst keinen extremen Eindrücken auszusetzen, ihm hektische, laute, unübersichtliche Situationen zu ersparen, so gut Sie können. Es ist, wie gesagt, ohne Weiteres möglich, dass Sie sich selbst dessen gar nicht bewusst sind. Vielleicht werden Sie von anderen Leuten erst darauf aufmerksam gemacht, dass sich Ihr Umgangston verändert. Ganz lebenspraktische Schlussfolgerungen hat in unserem Beispiel das Unterbewusstsein aus dem Bild vom verängstigten Vogel, das Sie sich Abend für Abend vor die Seele rufen, gezogen. Natürlich, das sind Schlussfolgerungen (das Wort passt nicht ganz, aber wir verwenden es jetzt einmal), auf die man auch durch gewöhnliches Nachdenken kommen könnte. Aber so ist das bekanntlich mit vielen Dingen: Wenn man ein Problem gelöst hat, wundert man sich nachträglich über die Einfachheit der Lösung. Nur muss man erst einmal darauf kommen!

Ich kann Ihnen aus vieljähriger erziehungsberaterischer Praxis sagen, dass Eltern in der Regel nicht dazu fähig sind, aus einer lapidaren Feststellung des Beraters («Ihr Kind tobt, weil es Angst hat») umstandslos praktische Konsequenzen zu ziehen. Die Entgegnung lautet meistens: «Gut, einverstanden, die Bockigkeit ist eigentlich Angst, aber was nützt mir das?» Nun hat der Berater zwei Möglichkeiten. Er kann den Eltern etwas über die notwendigen Schlussfolgerungen inklusive Verhaltensänderungen vordozieren. Das sitzt dann mehr oder weniger fest in den Köpfen der Leute, aber im Alltag läuft unter Umständen alles weiter wie gehabt. Die zweite Möglichkeit ist die Empfehlung einer Vorstellungsübung für den Abend: Vertiefen Sie sich täglich kurz vor dem Einschlafen in das Bild, Ihr Kind sei ein kleiner Vogel, der in panischer Angst in seinem Käfig herumflattert. Das ist die Innenseite des trotzigen, tobenden Verhaltens. Und nun warten Sie ab, welche Lehren Ihnen das Bild erteilt. – Was auf diesem Weg erreicht werden kann, ist natürlich viel mehr, ist viel tiefer gegründet als irgendwelches Kopfwissen, das man krampfhaft, aber meistens doch vergeblich, in die Tat umzusetzen versucht. Sie erleben, wie eine Erkenntnis, die Sie zunächst einmal gar nicht ins praktische Leben hineinzwingen können und wollen, aber ernsthaft und ausdauernd, sagen wir ruhig: meditativ in sich bewegen, namentlich dem Schlaf als Frage übergeben – wie eine solche Erkenntnis gestaltend in Ihre Gewohnheitsstruktur eingreift. Und Sie erleben weiter, wie Sie an Ihrem eigenen, sich verändernden Verhalten dann geradezu die Antwort «ablesen» können, auf die Sie, solange die Frage eine rein theoretische war, verstandesmäßig bei aller Mühe einfach nicht gekommen sind. Sehen Sie, das ist nun ein Urphänomen, mit dem man etwas anfangen kann, ein gewissermaßen kultivierbares und ausbaufähiges psychologisches Phänomen. Nebenbei bemerkt arbeiten Verführer und Rattenfänger aller Couleur mit dieser Methode der systematischen Appellation an das Unbewusste. Man kann ja, je nach Gesinnung und Absicht, an sehr verschiedene Quellen herankommen. Uns geht es darum, diese Methode auf eine uneigennützige, ganz dem Mitmenschen, in diesem Fall dem Kind, zugewandte Art aufzugreifen. Wir rufen also eine tief in unserem Inneren sitzende Weisheit zu Hilfe, von der wir im Tagesbewusstsein abgeschnitten sind, und wir müssen dies, um nicht in die Irre zu gehen, bewusst tun, mit einer klaren, möglichst unegoistischen Zielsetzung und unter Zuhilfenahme unserer Erkenntniskräfte, die wir brauchen, um überhaupt zu den richtigen Fragestellungen vorzudringen. Wer nicht zu fragen versteht, erhält keine Antworten.

Antwortet der Engel?

Also Leitideen brauchen wir schon! Sie führen uns ja erst zu dem Bild, das wir dann meditativ befragen und in den Schlaf mitnehmen können. Sich mit den menschenkundlichen Hintergründen kindlicher Entwicklungskrisen zu beschäftigen ist also nicht nur ratsam, sondern, ich möchte sagen: notwendig. Aber es genügt nicht. Denn es bleibt zunächst Kopfwissen. Und sofort erhebt sich die Frage nach dem nächsten Schritt. Ein solcher Schritt kann, namentlich in der Kindererziehung, darin bestehen, dass wir lebendige Bilder, lebendig-bildhafte Fragen aus dem Kopfwissen entwickeln und hintragen zu den Wesen und Kräften, mit denen wir nachts in Berührung kommen. Um auf diesem Weg Antwort zu finden, müssen wir freilich echtes Interesse und Engagement vorweisen können. Es muss uns der Wunsch nach Einsicht in das Wesen des Kindes schon richtig gepackt haben. Grob gesprochen: Was der Schlaf für uns bereithält, das werden wir in der Regel nur bekommen, wenn wir eine Menge Vorarbeit geleistet haben. Ein Billigmarkt für Patentlösungen ist das Unterbewusstsein natürlich nicht.

Sie sehen an unserem Beispiel vom ängstlichen Vogel, dass gar nichts besonders Mystisches oder von der gewöhnlichen Erfahrung Abweichendes damit gemeint ist, wenn ich sage, dass wir aus dem Schlaf «Handlungsanweisungen» erhalten können, ja ich möchte behaupten: immer mehr oder weniger bewusst erhalten! Dennoch ist damit ein Thema von großer Tragweite berührt, über das es sich lohnen würde, einmal ausführlicher zu sprechen. Ich will Ihnen gern anvertrauen, dass nach meiner Überzeugung hinter dem Vorgang, den ich oben angedeutet habe, etwas steckt, was Sie vielleicht als Kinderkram abtun werden – nun ja, es ist auch in gewisser Hinsicht Kinderkram, aber in ernster, positiver Hinsicht. Es steckt dahinter die Möglichkeit, mit dem Engelwesen des Kindes in Kontakt zu kommen! Wir können dem Engel des Kindes im Schlaf begegnen, wenn wir entsprechende Vorkehrungen, Bewusstseinsvorkehrungen treffen, um eine solche Begegnung herbeizuführen. Sollten Sie durch das Wort Engel irritiert sein, könnten wir uns natürlich auch auf unverfänglichere Formulierungen einigen, aber warum eigentlich? Es ist eine seltsame Schamhaftigkeit, durch die man sich heute veranlasst fühlt, keine Imaginationen mehr gelten zu lassen, sondern alles auf eine Ebene grauer, lebloser Begrifflichkeit herunterzuziehen. Besonders wenn es um Kinder geht, ist die abstrakte Wissenschaftssprache extrem ungeeignet. Aber verstehen Sie mich jetzt bitte recht: Ich meine das mit dem Engel nicht irgendwie symbolisch oder metaphorisch, sondern es ist mir ernst damit, ich bitte, es wörtlich zu nehmen. Wenn ich von Imaginationen spreche, so sind damit keine Phantastereien gemeint, sondern Wahrbilder.

Es war für die Bewusstseinsentwicklung wichtig, dass man, um das logische Denken zu erringen, zunächst einmal abgekommen ist von den Wahrbildern, die man früher den unsichtbaren Dingen und Wirkungen zuordnete. Aber wir haben damit auch ein gehöriges Stück Lebensklugheit aufgegeben, und es lohnt die Mühe, sich mit dem Rüstzeug des sachlichen Denkens, ohne dieses im geringsten aufzugeben oder zu vernachlässigen, nun wiederum diesen großen Urbildern, zum Beispiel dem Bild des Engels, zu nähern. Man kann das philosophisch tun, etwa auf dem Weg des wissenschaftskritischen Diskurses, indem man untersucht, mit welchem Recht wir der naturwissenschaftlichen Weltsicht eigentlich mehr Wahrheitswert zubilligen als zum Beispiel den theologischen, mystischen oder esoterischen Konzepten, insoweit sich die letzteren in der Lebenspraxis ebenso gut bewähren. Diesbezüglich gibt es mittlerweile außerordentlich stichhaltige Arbeiten. Aber unsere Aufgabe kann im Folgenden nicht darin bestehen, diese wissenschaftstheoretische Debatte zu kommentieren. Ich erlaube mir, jetzt einfach einmal die Behauptung vor Sie hinzustellen, dass die Annahme der Existenz von Engeln in gewisser Hinsicht sehr nützlich ist und unser nützlichkeitsorientiertes Weltverständnis sich deshalb mit einer solchen Annahme überraschend gut verbinden lässt. Man muss es nur versuchen.

Nehmen wir also an, es sei wahr, dass wir im Schlaf an das innerste Wesen und die eigentlichen Bedürfnisse des Kindes herankommen können. Wenn wir erleben, dass dies in der Tat bei entsprechender Vorbereitung möglich ist, dann glaube ich nicht, liebe Eltern, dass Sie oder ich in unserem höchstpersönlichen Unterbewusstsein die sensationellen Schlauköpfe sind, die wir gerne wären. Ich denke vielmehr, dass es etwas komplizierter ist mit der oben erwähnten Weisheit des Schlafes, insofern es sich um eine «soziale Weisheit» handelt, die uns lehrt, unsere Liebegefühle in Taten der Liebe umzuwandeln. Ich denke nämlich, dass das Kind selbst uns in der Nacht die entsprechenden Hinweise gibt, aber nicht das Kind, wie es uns im Alltag gegenübersteht, sondern das Kind aus einer Wesensschicht heraus, die im gewöhnlichen Leben gar nicht unmittelbar in Erscheinung tritt. Man kann es das höhere Selbst nennen, wo gleichsam im Keimzustand schon vorhanden ist, was sich später biographisch ausfalten will. Aber «höheres Selbst» ist eben wieder so eine Begriffskonstruktion, die das, was wir hier im Auge haben, in etwas Allgemeines und Unverbindliches hinunterzieht, worunter man dann alles Mögliche oder Unmögliche verstehen kann. Wenn man mit der Idee zu leben und umzugehen begonnen hat, dass jeder Mensch von einer über ihm stehenden, schicksalsführenden Wesenheit begleitet wird, zu der er mit den kostbarsten Teilen seiner aktuellen Persönlichkeit hinaufragt, dann wächst das Bedürfnis, zur Rehabilitation des Bildes vom Engel beizutragen. Man hat keine Lust mehr, aus Rücksicht auf den Zeitgeschmack dauernd um den heißen Brei herumzureden. «Engel sind unsichtbar und nur dem denkenden Erleben zugänglich. Dieses drängt sich jedoch nicht auf, sondern muss aktiv vom Menschen gesucht werden», schreibt Michaela Glöckler in ihrer Elternsprechstunde. Man muss das Phänomen schon beim Namen nennen und sich bewusst darauf einlassen. Andernfalls findet man keinen Erlebniszugang. Der Engel antwortet nicht, wenn wir nach abstrakten psychodynamischen Vernetzungen fragen, die sich in einem ebenso abstrakten Unbewussten automatenhaft abspielen sollen. Sie bemerken: Ich korrigiere mich ein wenig. Wenn ich vorhin in diesem Zusammenhang mehrmals vom «Unterbewusstsein» gesprochen habe, so war dies ein provisorisches Zugeständnis an geläufige Redewendungen. Natürlich gibt es ein Unterbewusstsein. Aber was man gemeinhin darunter versteht, trägt zum Verständnis der Phänomene, die uns jetzt beschäftigen, wenig bei.

Sprechen wir also heute nicht von irgendeiner aus dem Unterbewusstsein heraus motivierenden, den individuellen Lebensentwurf inaugurierenden Instanz oder Richtkraft, sondern vom Engel, das ist einfacher, schöner und genauer. Der Engel des Kindes kann Ihnen im Schlaf praktikable Hinweise geben, wenn Sie ihm mit möglichst klar gefassten und von Ihnen selbst als dringlich genug empfundenen Fragen gegenübertreten. Sie werden diese Hinweise zunächst nicht unbedingt als Gedankeninhalte in sich wiederfinden, sondern als neue Impulse und Motivationen, als einen fast unmerklich sich vollziehenden Einstellungswandel, als wachsende Fähigkeit, in kritischen Situationen richtig zu reagieren, und so weiter. Indem Sie sich in der Kunst des Fragens üben – wir sprachen schon von der Möglichkeit des bildhaften Fragens –, sich diesbezüglich also auch gewissen Anstrengungen unterwerfen, bilden Sie in sich gleichsam die Empfangsorgane aus für Engelsbotschaften. Wir ähneln diesbezüglich (und denken Sie ja nicht, dass ich mich da ausnehme) Analphabeten, die gerade mit den ersten Buchstaben anfangen. Aber immerhin, nur wer überhaupt anfängt, hat eine Chance, eines Tages vielleicht flüssig zu lesen. Und es ist gar nicht so schwer, einen Anfang zu machen. Um noch einmal Michaela Glöckler zu zitieren: «Jede Fürbitte», schreibt sie, «in der man nicht egoistisch etwas für sich wünscht, sondern wirklich möchte, dass sich das Schicksal des Kindes gemäß seinem Ziel erfüllen möge», ist ein Ruf, den der Engel des Kindes aufnimmt.

Die Fragen des Brückenwächters

Stellen Sie sich einmal vor, Sie beträten beim Einschlafen eine Brücke, und auf der anderen Seite der Brücke hätten Sie Gelegenheit, mit dem Engelwesen des Kindes in Verbindung zu treten. Stellen Sie sich weiter vor, auf der Brücke sei ein Wächter postiert, und Sie müssten sich vor diesem Wächter rechtfertigen, um passieren zu dürfen. Was, glauben Sie, würde der Brückenwächter fragen? Er würde erstens fragen: «Hast du ein klar durchdachtes Problem mitgebracht, das dich nicht aus eigennützigen Motiven, sondern um des Kindes willen ernsthaft bewegt?» Und seine zweite Frage (darüber werden Sie sich jetzt vielleicht wundern) wäre: «Trägst du in dir ein deutliches Bild des Kindes?» Wieso ein deutliches Bild? Nun, was ist denn die Bedingung, um beim Einschlafen ein deutliches Bild des Kindes in sich zu tragen? Das ist nur möglich, wenn man sich tagsüber die Mühe gemacht hat, wenigstens einmal das Kind liebevoll und wach zu beobachten, «mit Andacht zum Kleinen», wie es Rudolf Steiner ausdrückte. Es gehört zur Praxis der Liebe, sich immer wieder ganz zurückzunehmen, die eigenen, festgefahrenen Urteile, Wünsche, Erwartungen und Vorstellungen beiseite zu räumen und sich zu üben in lauschender, betrachtender, sagen wir ruhig: staunender Aufmerksamkeit dafür, was einfach das Erscheinungsbild