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Horst Weymar Hübner, Anna Martach

Zwölf Arztromane

Zwölfmal ergreifendes Schicksal und Romantik - Cassiopeiapress





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zwölf Arzt-Romane

- zwölfmal ergreifendes Schicksal und Romantik

von Horst Weymar Hübner, Anna Martach & A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1400 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Horst Weymar Hübner: Ein Baby ist mein Herzenzwunsch

Horst Weymar Hübner: Tage der Angst

Horst Weymar Hübner: In guten wie in schlechten Tagen

A. F. Morland: Nur du kannst deinen Bruder retten

A. F. Morland: Haben Sie kein Herz, Dr. Ramberg?

A. F. Morland: Was nur der Klinikchef weiß

Anna Martach: Eifersucht und 1000 Lügen

Anna Martach: Der lange Weg zu deinem Herzen

Anna Martach: Hab ich dein Herz für immer verloren

Anna Martach: Schneeballschlacht und heiße Herzen

Anna Martach: Heiße Liebe – kalte Herzen

Anna Martach: Eine Lawine zum Schicksal

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Ein Baby ist mein Herzenswunsch

von Horst Weymar Hübner

 

Eine körperlich behinderte junge Frau und ihr glühender Kinderwunsch – Dr. Florian Winter steht vor einer großen Herausforderung. Zudem muss er sich mit den Schattenseiten seiner Beliebtheit herumschlagen, denn durch seine konsequente Haltung und seine intelligente Autorität hat er sich offenbar Feinde gemacht und jemand versucht ihn zu „stalken“. Als sei dies nicht genug, hat er sich auch noch mit der rätselhaften „Kanülen-Affäre“ zu beschäftigen. Aber während des aufreibenden Klinikalltages gibt es für den sympathischen Gynäkologen auch immer wieder wunderbare Lichtblicke …

 

1

„Dann bleib doch meinetwegen ein Krüppel!“, schrie Peter Ockenfels seine junge Frau an. Ungeachtet der Tränen, die ihr in die Augen schossen, brüllte er drohend weiter: „Aber ich komme schon noch zu einem Kind, es gibt Mittel und Wege! Wenn nicht von dir, dann eben von einer anderen. Führen wir denn überhaupt eine Ehe?“

„Peter!“ Heide Ockenfels war leichenblass. Aber er hörte gar nicht. Er stürmte hinaus und warf die Tür zu, dass das Haus dröhnte.

Aufschluchzend barg sie das Gesicht in ihren Händen.

O Gott, wie das weh tat!

Ein Krüppel, der zu nichts nütze war! Der keine Kinder haben konnte! Der keine Ehe führte!

Und sie liebte ihn doch so sehr.

Ein Kind von einer anderen, hatte er gesagt! Die Angst schnürte ihr fast die Kehle zu.

Vom ersten Tag der Ehe an hatte sie befürchtet, dass sie ihn verlieren könnte, dass er sich einer anderen zuwenden würde. Einer gesunden jungen Frau.

Eigentlich schon viel früher. Jeden Tag hatte sie gebangt, ob er auch kam, um sie abzuholen. Oder ob er anrief und eine fade Entschuldigung fand.

Die ständige Angst, dass es aus war, bevor es begonnen hatte, war zermürbend und entsetzlich gewesen.

Doch er hatte sie nie spüren lassen, dass sie nicht so war wie die anderen Mädchen. Peter hatte einfach so getan, als ob sie kerngesund sei.

Wie dankbar war sie ihm deswegen gewesen.

Mit seinem Ungestüm und seinem Drang zu Lausbübereien hatte er sie mitgerissen, hatte er sie nie empfinden lassen, dass sie nicht vollwertig war.

Und sie hatten sich im Grunde genommen auch beide nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, dass sie nie vollwertig sein konnte.

Sie selber hatte dieses Wissen verdrängt.

Und Peter hatte vielleicht gehofft, dass es sich geben würde. Einige Äußerungen von ihm hatte sie so verstanden.

Vielleicht hatte er Mädchen nebenbei gehabt. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Es war ihr auch gleichgültig.

Zudem hatte er nie davon gesprochen.

Ob er in den zwei Jahren, die sie nun verheiratet waren, Seitensprünge gemacht hatte?

Daran glaubte sie nicht.

Und wenn schon! Sie musste einen Preis zahlen für das bisschen Glück an seiner Seite.

Vor einem Jahr hatte sie zum ersten Male davon gesprochen, dass sie vielleicht doch ein Kind adoptieren sollten. Oh, da war sie schön bei ihm angekommen.

Peter hatte überhaupt nichts davon wissen wollen.

Es werde sich schon geben, hatte er gesagt. Sie müsse halt nur den Willen und die Kraft haben.

An jenem Tag hatte ihr wahrer Leidensweg begonnen.

Peter hatte die Ansicht ihres Hausarztes und der Spezialisten, bei denen sie Jahr um Jahr in Behandlung gewesen war, einfach nicht wahrhaben wollen.

Irgendwie war es ihm gelungen, die Anschrift und den Namen einer Kapazität für Orthopädie in Erfahrung zu bringen. Wochenlang hatte er auf sie eingeredet, bis sie schließlich zugestimmt hatte, sich nach Freiburg zu Professor Tietz in Behandlung zu geben.

Noch immer erschauerte sie, wenn sie sich an diese Zeit erinnerte.

Diese qualvollen Untersuchungen, diese Schmerzen bei der Anwendung aller möglichen Geräte und Apparaturen! Diese dumpfe Gewissheit, dass es doch nichts nützt!

Zweimal war sie drauf und dran gewesen, aus dem Fenster der Klinik zu springen.

Aber das Personal hatte es geahnt. Man hatte ihr die Krücken weggenommen. Die bekam sie nur, wenn sie zur Behandlung bestellt war.

Die wochenlange Quälerei hatte nichts gebracht. Jedenfalls keine Besserung.

Sie hatte nur gespürt, dass ihr Peter etwas entfremdet war, als er sie heimholte.

Bald danach hatte er davon zu sprechen begonnen, dass die Medizin ja täglich Fortschritte mache und dass ihr Fall ja wohl nicht aussichtslos sein könne. Da hätte zum Beispiel ein Professor Mertens in Erlangen einen sagenhaften Ruf, der Mann habe schon vielen Patienten geholfen.

Sie hatte verstanden. Gehorsam hatte sie sich nach Erlangen bringen lassen. Und erst dort war ihr der Verdacht gekommen, dass Peter sie vielleicht von daheim weg haben wollte! Dass vielleicht bereits eine andere Frau bei ihm aus und ein ging.

Aber dann hatte er täglich angerufen, hatte sie besänftigt und ihre Ungeduld gedämpft. Und jedes Wochenende war er den weiten Weg mit dem Auto angereist und hatte sie besucht.

Ohne ein böses Wort zu sagen! Ohne zu resignieren!

Wenn er ihre Verzagtheit bemerkt hatte, hatte er ihr Mut gemacht. Aber den hatte sie nicht mehr.

Professor Mertens hatte sie operieren wollen. Beidseitig!

Seit dem Klinikaufenthalt in Freiburg, seit jenen Wochen, in denen man ihr immer wieder irrsinnige Schmerzen zugefügt hatte, empfand sie jedoch panische Angst vor Geräten. Und erst recht vor einem chirurgischen Messer.

Der Professor hatte ihr lang und breit erläutert, was mit ihr geschehen würde. Die Oberschenkel aufschneiden, die Hüftgelenke ausschälen, durch Kunststoffgelenke oder Stahlgelenke ersetzen! Wenn ihr Körper die Implantate annahm, sei nach einer angemessenen Heilungszeit ihr Problem gelöst und sie gesund.

Wenn!

Der Professor hatte gemeint, das sei natürlich eine Sache mit drei dicken Fragezeichen, und garantieren könne er für einen Erfolg, vor allem für einen dauerhaften, schon gar nicht.

Da hatte sie regelrecht durchgedreht und Peter beschworen, sie sofort aus der Klinik wegzuholen.

Keinem Argument war sie zugänglich gewesen. Im Nachhinein hatte sie es begriffen.

Aber deswegen war sie noch lange nicht bereit, sich ans Messer zu liefern und zerschneiden zu lassen!

Nach dem Erlanger Zwischenspiel hatte es einen Riss zwischen ihr und Peter gegeben.

Zwar umsorgte und versorgte er sie nach wie vor mit großer Aufmerksamkeit und Aufopferung. Aber sie merkte doch, dass es nur mehr eine Versorgung war.

Er hatte wohl auch resigniert.

Seitdem bangte sie davor, dass er ihr eröffnen würde, sich von ihr scheiden zu lassen. Weil er eine gesunde Frau haben wollte. Und Kinder, die sie ihm so nicht schenken konnte.

Diese entsetzliche Ungewissheit, wann er es ihr sagen würde, hatte zum Schluss schon derart bedrohliche Formen angenommen, dass sie schon zusammenfuhr und zu zittern begann, wenn sie ihn heimkommen hörte.

Und dann reagierte sie ungerecht und wurde streitsüchtig. Sie wusste es, und sie konnte es dennoch nicht ändern.

Peter hatte ihr eine Zugehfrau besorgt, die die Hausarbeit erledigte und kochte. Schon wenn er sich erkundigte, ob die Frau dagewesen sei und was sie zusammen gemacht hätten, war sie kratzbürstig.

Gestern war es schließlich passiert. Er hatte wieder einen Namen und eine Anschrift mitgebracht. Von noch einem Professor. Sogar hier aus der Stadt. Und Frauenarzt obendrein.

Sie war außer sich gewesen, dass er ihr schon wieder diese Tortur der Untersuchungen und versuchten Behandlungen zumuten wollte. Wieso überhaupt bei einem Frauenarzt?

In der Nacht, in der sie kein Auge zubekommen hatte, waren ihre Gedanken immer nur um diesen einen Punkt gekreist.

Tietz und Mertens hatten ihr doch genau erklärt, dass sie so keine Kinder haben durfte. Und gar nicht bekommen konnte. Weil es einfach nicht ging.

Peter kannte die Befunde. Immer wieder hatte er sie gelesen, hatten sie gemeinsam darüber gesprochen und gestritten.

Und nun verlangte er, dass sie doch zu einem Frauenarzt ging!

Als ob es daran läge!

Der Krach hatte dann auch heute Morgen beim Aufstehen begonnen. Peter hatte aber entgegen aller Gewohnheit nicht Geduld geübt, diesmal war er wütend geworden und hatte ihr den Zettel mit dem Namen und der Anschrift auf den Tisch geknallt, nachdem er sie zu ihrem Spezialstuhl getragen hatte.

Der Zettel lag noch immer da.

Aber Peter war fort.

Und er hatte ihr klipp und klar gesagt, was sie war: ein Krüppel! Ein nutzloser Mensch!

Sie weinte hemmungslos und hörte nicht einmal den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür gehen, als Frau Maibach kam, die Zugehfrau.

„Ach Göttchen, nee, was ist denn jetzt passiert?“

Erst beim Klang der vertrauten Stimme hob Heide Ockenfels den Kopf.

Frau Maibach schlug fast die Hände über dem Kopf zusammen beim Anblick des tränenüberströmten Gesichtes. Sie war einer jener mütterlichen und dennoch resoluten Typen, die allein schon durch ihre Erscheinung verraten, dass sie immer ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Mitmenschen haben und meist auch gleich eine Patentlösung wissen.

Für ihre dralle Breite war Frau Maibach in der Körperlänge etwas zu kurz geraten. Das focht sie aber nicht an. Sie hatte sich beizeiten ein dickes Fell zugelegt.

Vergeblich wartete sie darauf, dass ihr Heide Ockenfels eine Erklärung für den traurigen Morgen gab.

„Nun, dann warten wir halt“, meinte die Zugehfrau in grenzenloser Geduld und begann mit dem Abräumen des Frühstückstisches.

Es war unausweichlich, dass ihr der Zettel in die Finger geriet.

Sie las, begriff und nickte. „Jetzt sollen Sie sich von einem Frauenarzt behandeln lassen? Das wäre endlich mal was anderes. Sie, von dem habe ich schon gehört, der ist bekannt. Die Frau Petry, von der ich Ihnen schon erzählt habe, also die war voriges Jahr bei ihm in der Klinik, und die ist reinweg begeistert von ihm. Irgend so ’ne Operation unten rum, na, Sie wissen schon. Vorsorge und so. Und die sagt, das sei nicht so ein beknackter Professor, wie sie haufenweise in den Unikliniken rumlaufen, von denen kennt sie nämlich ein paar, da kann sie ein Lied von singen. Nee, ein richtiger netter Mensch ist dieser Winter.“

Heide Ockenfels ließ den Wortschwall wie einen Sturzbach über sich ergehen. Wenn Frau Maibach in Fahrt war, gab es nur ein Mittel, sich zu wehren – nämlich Zuhören.

Bedingt durch ihre Leibesfülle kam die gute Seele nämlich sehr schnell hinter Atem. Und mit der Luft gingen ihr dann auch die Worte aus.

Dieser Zustand war schon fast erreicht. Frau Maibach knisterte unschlüssig mit dem Notizzettel und blickte dann zum Telefon. „Haben Sie schon angerufen? Oder sollen wir das jetzt machen?“

Bevor sie Zustimmung oder Ablehnung erntete, walzte sie schon breitfüßig ins Nebenzimmer, wo das Telefon mit der langen Anschlussschnur seinen Stammplatz hatte.

Auflehnung wallte in Heide Ockenfels hoch, genau wie gestern der Zorn, als Peter von diesem Professor Winter zu reden angefangen hatte.

„Lassen Sie! Ich will nicht! Nicht schon wieder diese Quälereien! Es bringt doch nichts.“

Frau Maibach wandte sich in der Tür zum Nebenzimmer um. „Wenn Sie aber gar nichts tun, bringt’s doch auch nichts. Sie gehen langsam vor die Hunde, ich sehe das doch.“

Wieder stürzten die Tränen aus den Augen von Heide Ockenfels. „Ein Kind will er“, schluchzte sie. „Notfalls von einer anderen, hat er gesagt.“

„Was denn? Was denn?“, meinte die Zugehfrau verstört. „Das gibt’s doch gar nicht!“

„Und ein Krüppel bin ich. Das hat er auch gesagt!“ Heide Ockenfels stemmte sich aus dem Spezialstuhl hoch.

Durch die fast lebenslange Krankheit war sie gezwungen, die Hinsetz- und Aufstehbewegungen fast nur durch die Kraft der Arme zu regulieren. Dadurch hatte sie extrem kräftige Ober- und Unterarmmuskeln bekommen, und der Druck ihrer Hände hätte glattweg auch einen Schwerstarbeiter die Hand- und Fingergelenke brechen können.

Mit einem wilden, energischen Ruck stand sie auf den Füßen.

Dann trippelte sie mit seltsam steifen kleinen Schritten vom Tisch weg, ohne die Krücken zu Hilfe zu nehmen.

„Bin ich ein Krüppel?“, fragte sie ihre Zugehfrau. „Bin ich nutzlos? Gehöre ich zum alten Eisen?“ Die letzten Worte schrie sie heraus. Und mit den Worten die ganze Qual ihrer Seele.

Frau Maibach ließ sich im nächst erreichbaren Sessel so heftig nieder, dass das Sitzmöbel empört knackte.

„Göttchen, nee, das hätte er nun nicht sagen dürfen! Nee, nee, Frau Ockenfels, das sind Sie nicht! Sie sind bloß ein bisschen krank, und Sie sind noch nicht in die Hände vom richtigen Doktor gekommen. Jetzt rufen wir aber gleich an! Wissen Sie nämlich, dass Sie seit Erlangen zum ersten Male wieder ohne die Stöcke rumlaufen?“

Frau Maibach sah die Dinge etwas unkompliziert. Aber gerade die banale Feststellung, dass Heide Ockenfels seit vielen Wochen erstmals wieder ohne Krücken auskam, war ein überzeugendes Argument.

Vielleicht hatte die letzte Behandlung in Erlangen doch etwas gebracht. Auch ohne so eine entsetzliche Operation. Einfach durch die vielen Medikamente, durch die gymnastischen Übungen und die Bewegungstherapie. Heide Ockenfels klammerte sich an diese Hoffnung.

Hatte nicht auch der Professor Tietz in Freiburg gesagt, manchmal kämen in der Medizin Wunder vor, bloß seien sie halt zu selten, um sie verlässlich einplanen zu können?

Die schlichte Feststellung, dass sie ein paar Schritte ohne Krücken geschafft hatte, befeuerte ihren Willen derart, dass sie Frau Maibach zwei Stunden lang bei der Hausarbeit zur Hand ging. Gänzlich ohne die Hilfsmittel, die sie immer im Leben begleitet hatten, soweit sie zurückdenken konnte.

Danach aber war sie völlig erschöpft und verspürte bösartige Stiche in den Hüftgelenken, so dass sie sich von Frau Maibach auf das Sofa helfen lassen mussten.

Dennoch blickte sie triumphierend und zuversichtlich.

„Ich bin kein Krüppel“, murmelte sie. „Das soll Peter nie wieder sagen können. Ich bin es nicht!“

Die Zugehfrau beobachtete sie von der Tür aus. In aller Ruhe kümmerte sich Frau Maibach dann um den Abwasch, setzte das Mittagessen auf und machte das Schlafzimmer fertig.

Nur nicht drängen, sagte sie sich.

So eine junge schöne Frau, und die will sich einfach hängen lassen und drauf warten, bis ihr Mann mit einer anderen daherkommt! Das gibt’s ja gar nicht! Dem groben Kerl müsste mal jemand gehörig den Kopf waschen. Der weiß ja gar nicht, wie gut er dran ist mit seinen gesunden Knochen!

Frau Maibach ließ die Dinge reifen, bis es Zeit zum Mittagessen war. Sie hatte ein Gespür dafür, wann es Zeit war, ein herzhaftes Wort zu sagen oder besser den Mund zu halten.

Bevor sie die Teller auf den Tisch stellte, schaute sie ins Wohnzimmer.

Die Krücken standen unbenutzt in der Ecke.

Die junge Frau aber hatte sich aus eigener Kraft vom Sofa erhoben, hatte das Telefon auf den Tisch gestellt und hielt den Hörer am Ohr. Und auf dem Tisch lag der Zettel mit dem Namen und der Anschrift von diesem Professor Winter.

Frau Maibach nickte und zog sich in die Küche zurück. So war die Sache in Ordnung! Wäre ja gelacht, wenn die junge Frau sich einfach zurückzog wie eine Schnecke in ihr Haus. Wenn es mit dem Gehen doch plötzlich so gut klappte, vielleicht konnte sie dann auch ein Baby bekommen.



2

Der Anruf erreichte Professor Florian Winter mitten in der Ordinationszeit. Renate Angern, seine Sprechstundenhilfe, hatte das Gespräch hereingestellt, was einigermaßen ungewöhnlich war. Während der Untersuchungen schätzte er keine Störungen.

Am anderen Ende meldete sich die Unfallchirurgie. Man gab den Hörer weiter, und endlich war der Oberarzt der Chirurgie dran, Doktor Albert Rose, ein guter Freund von ihm.

„Tag, Florian, ich bin hier unten in der Notaufnahme, wir haben da einen Fall hereinbekommen, den du dir unbedingt ansehen solltest.“ Professor Winter blickte hinter der Patientin her, die auf dem Weg zum Paravent war, um sich dahinter zu entkleiden. „Das ist jetzt sehr ungünstig, Albert“, sagte er mit gedämpfter Stimme. „Ich halte Sprechstunde, und im Wartezimmer sitzen noch vorbestellte Patienten. Kann nicht jemand von der Station ...?“

„Ich weiß ja, dass du ein vielbeschäftigter Mensch bist, Florian“, unterbrach ihn der Oberarzt etwas drängend. „Wenn es nicht so außergewöhnlich wäre, hätte ich dich auch verschont. Außerdem sind deine Mitarbeiter im Kreißsaal, im OP und auf Station. Gewissermaßen unabkömmlich. Für zehn Minuten, ja? Länger dauert es nicht.“

„Und was liegt an?“

„Wir brauchen den definitiven Befund eines Spezialisten, Florian, weil wir sonst nicht weiterkommen. Wir wollen nichts verderben.“

Professor Winter zögerte, dann entschied er sich. Wegen einer Lappalie rief Albert Rose ja nicht an. „Gut, ich komme sofort runter.“

„Ich danke dir.“

Professor Winter legte den Hörer auf und starrte den Apparat an. Dann hob er den Kopf. „Frau Kleinert, wenn Sie bitte mit dem Entkleiden warten möchten! Man hat mich gerade zu einem Notfall gerufen. Nehmen Sie doch bitte noch einmal im Wartezimmer Platz.“

Die Patientin war nicht gerade begeistert, aber sie kam hinter dem Paravent hervor, knöpfte die Jacke zu und ging ins Vorzimmer.

Professor Winter folgte ihr auf dem Fuß und wandte sich an Renate Angern: „Frau Kleinert dann bitte gleich noch mal zu mir. Ich bin unten in der Notaufnahme.“ Sprach’s und war mit wehendem Kittel draußen.

Die Aufzüge waren natürlich in Dauerbetrieb und eine Kabine gerade nicht verfügbar. Es war jetzt Besuchszeit.

Er nahm die Treppe und langte etwas außer Atem unten an.

Vor der Notaufnahme der Unfallchirurgie stand grinsendes Personal. Er entdeckte sogar einen Pfleger von Station 3b, der mit einer Patientin im Rollstuhl unterwegs war, am Morgen bei der Visite hatte er eine nochmalige Röntgenuntersuchung der Frau angeordnet.

Kaum erblickte der Pfleger seinen Professor, besann er sich auch darauf, dass die Röntgenabteilung einige Räume weiter untergebracht war. Er fuhr die Patientin eilig in die richtige Richtung.

Aus der Notaufnahme drang ein Krach, der auf einen Jahrmarkt gepasst hätte.

Sichtlich irritiert trat Professor Winter ein und war in Versuchung, sich die Augen zu reiben, weil er dem Bild nicht traute.

Ein blutüberströmter Mann wurde in einer Ecke von zwei Pflegern mühsam gebändigt und auf einem Stuhl festgehalten. Seine Versuche, die kräftigen Hände abzuschütteln, wurden schon im Ansatz erstickt.

Unverkennbar war der Mann aber gewillt, sich auf den zweiten Patienten im Raum zu stürzen. Hierbei handelte es sich um eine junge, etwas grobknochige Frau. Ihre gesunde Gesichtsfarbe und ihr ganzes Erscheinungsbild gab darüber Auskunft, dass sie aus bäuerlicher Umgebung stammte.

Die Frau lag jetzt allerdings auf einem Untersuchungstisch. Ein Arzt palpierte ihren Kopf und versuchte, mit den Fingern unter den kranzförmig gesteckten Zopf zu kommen.

Provisorisch war schon ein Pflaster auf eine Stirnwunde geklebt. Das Gesicht der Frau hatte man schon vom Blut gesäubert.

Albert Rose hatte sich halb auf den Untersuchungstisch gesetzt. Seine Handhaltung gab darüber Auskunft, dass er versuchte, im rechten und linken Unterbauch der Patientin auf einen Tastbefund zu stoßen.

Sobald er aber mit den Fingerspitzen in die Tiefe vordrang, richtete sich die Frau mit einem Quieken auf, guckte den Oberarzt böse an und wetterte in einer kaum verständlichen Sprache.

Professor Winter tippte auf einen bayerischen Dialekt. Der Zorn der Frau galt aber nicht Albert Rose, sondern ganz klar dem Mann in der Ecke zwischen den Fäusten der Pfleger.

„Ja, was ist denn das?“, gab Florian Winter seiner Verwunderung Ausdruck.

Albert Rose lächelte schmerzlich entsagungsvoll, während im Hintergrund ein Grinsen über die Gesichter des anwesenden Personals zog. „Das haben wir noch nicht genau herausgefunden, Florian. Entweder Komödienstadel oder ein Akt vor dem Königlich-Bayerischen Amtsgericht.“

„Ach nein?“

Albert Rose senkte die Stimme: „Der Mann ist hier auf Montage, und etwas überraschend kam seine Frau angereist. Als sie ihn auf der Montagestelle nicht angetroffen hat, nahm sie auf eigene Faust die Ermittlungen auf. Und prompt hat sie ihn in einer Wirtschaft aufgestöbert. Da ist es dann zu einem tüchtigen Handgemenge gekommen.“

„Am helllichten Tag?“, zweifelte Professor Winter.

„Wie du siehst“, meinte Albert Rose aufseufzend. „Die Leute sind aus Nürnberg.“

„Ah, drum! Ich verstehe nämlich kaum etwas!“

Albert Rose hob die Hand etwas. „Ich habe oben einen Medizinalassistenten aus Fürth. Der steht uns gleich gewissermaßen als Dolmetscher zur Verfügung da kommt er ja! Herr Schuster, bitte, wenn Sie freundlicherweise mäßigend auf die Herrschaften einwirken würden!“ Der Oberarzt wandte sich wieder seinem Freund Winter zu: „Bei der Prügelei soll die Frau einen Stuhl in den Leib bekommen haben. Sagt die Polizei. Die wartet übrigens im Stationszimmer. Auf der Fahrt hierher hatte die Frau unbändige Stichschmerzen.“

„Kann ich mir gut vorstellen“, sagte Professor Winter etwas hastig. „Und was soll ich hier?“

„Ich vermute eine Schwangerschaft“, erklärte Albert Rose. „Die Frau behauptet zwar, sie hätte ihre Regelblutungen gehabt, aber ich traue der Geschichte nicht.“

Florian Winter runzelte die Stirn. Ein solcher Fall war selten, aber er kam vor. Er hatte schon Patientinnen gehabt, die waren schon im dritten Monat schwanger und bekamen immer noch die Regelblutung.

„Lass mich mal!“, sagte er und wollte an Roses Stelle auf dem Tischrand Platz nehmen.

Inzwischen hatte aber der Medizinalassistent Schuster das Regiment in der chirurgischen Notaufnahme übernommen und versuchte, die Vorgeschichte abzuklären. Vor allem die Umstände, wie es zu den Verletzungen des Ehepaares gekommen war.

Der arg verbeulte Monteur in der Ecke nahm gerne die Gelegenheit wahr, die Sache aus seiner Sicht und seine Frau als Weibsteufel zu schildern.

„I hobb ja an ibberhabbs nix Bös dengd, Herr Doggder, gell, aff amol steht mei Aide in den Werzhaus und sachd zu mir, dass i edzer mei Bäir ausdringn soll und nou ganger mer ins Hotel ...

„Der Lumb, der bsuffne! Hoggd an hellen Doch im Werzhaus!“, schimpfte die Frau. „Kumm mer du blouß hamm, du Doldi!“

„Dir wer i glei an weng an Doldi geem!“, drohte der Mann. Schuster brachte ihn mit einer wütenden Handbewegung zum Schweigen, wandte sich an den Oberarzt und Professor Winter und meinte mit mühsam verkniffenem Lachen: „Halt eine kleine Auseinandersetzung. So was kommt vor.“

„Nun machen Sie schon weiter, Schuster!“, verlangte Albert Rose. „So leidlich können wir folgen. Was heißt denn Bäir?“

„Bier, Herr Oberarzt.“ Schuster wandte sich dem Monteur zu. „San Sie bsuffen?“

„Naa, obber mir ist need goud. I hobb nou mei Bäir ausdrungn, gell, wall i hobb ja Zeid ghabt. Aff amol dud an Drummer Schlooch, und mei Aide had mir aane gschebberd. Mid den in Werzhaus. Affn Kubf, und des derf mer fei nedd.“

„Und da hamms Ihrer Fraa aa aane geschebberd?“, vergewisserte sich Schuster.

Jetzt meldete sich die Frau. „Midn Bäirglos, des missens Eahne vur stelln, Herr Doggder! Obber die Laid hom mer ned gholfen, däi hom blouß bläid glachd. Nou hobbi a Drumm Flaschn baggd.“

„Aha, und mit der Flaschn hamm’s higlangd?“, fragte Schuster.

„Naa mid der Hend“, meinte die Frau, „abber in der Hend kennt’s scho sei, dass i däi Flaschn ghabt hobb. No dringd mei Moo no a Bäir und an Zwetschger, und af amol baggd der an Stouhl und haud alles zamm. Un mir schlechd in den Moogn. I hob nou aa a Bäir neizuung, un nou is die Bollizei kimmer, un nou hammer aweng graafd, gell.“ Schuster wandte sich schnell ab und erstickte mannhaft einen Lachanfall. Er ging abseits in eine Ecke. Rose und Professor Winter folgten ihm.

„Ein Krach halt, der daheim, wo die Leute herkommen, keinen Menschen besonders aufregen würde“, erklärte er. „Hier ist leider die Polizei mit hineingezogen worden. Das Ehepaar scheint mit den Polizisten gerauft zu haben, die man gerufen hat. Die Frau hat ihrem Mann eine Flasche auf den Kopf geschlagen, nachdem sie von ihm ein Bierglas an den Kopf bekam. Dann hat sie etwas getrunken, ein Bier, wie sie sagt, und dann ist der Krach erst richtig losgegangen. Sie hat einen Stuhl in den Magen bekommen.“

„Darum geht es uns ja die ganze Zeit!“, knurrte Albert Rose. „Sehr gemütliche Leute, wirklich!“, fügte er grimmig herb hinzu. „Florian, willst du die Untersuchung an der Frau vornehmen?“

„Nachdem ich schon da bin – fangen wir also an!“, sagte Professor Winter.

Der zusammengefaltete Monteur sah die drei Männer im weißen Kittel aus der Ecke zurückkehren.

„Sperrn’S mei Aide ner gescheid ei, Herr Doggder!“ Er hielt Schuster für einen ausgereiften Mediziner. „Also wi däi mi in den Werzhaus rumzu ung hadd! Wäi an aldn Budzlumbn! Un nou hod’s mi nou in des Regal neidriggd ...“

„Dou bisd jo durchganger, du alder Feichling!“, höhnte die Frau vom Untersuchungstisch.

Der Ehemann hatte wieder eine grobe Beleidigung auf der Zunge, aber da durchdrang ein markerschütternder Schluckauf den Raum, dass es im Behälterschrank dezent klirrte und die zwei kompakten Chirurgiepfleger von der aufsteigenden Alkoholfahne fast narkotisiert wurden.

Der Monteur wurde sichtlich verlegen und entschuldigte seine innere Anfeuchtung mit den Worten: „A weng an Dorschd werst jo scho hom derfn, gell?“

Winter und Rose hatten sich in den Dialekt gefunden. Der Mann hatte ja ein sagenhaftes Gemüt.

„Ab zum Röntgen!“, ordnete Albert Rose an.

Widerstrebend ließ sich der Mann zwischen den Pflegern hängend hinausführen. Einmal auf den Füßen, sah er gar nicht mehr so imponierend aus. Er reichte den Pflegern knapp bis zur Schulter.

Er war das, was man medizinisch einen Sitzriesen nennt. Einer, der im Sitzen wesentlich größer wirkt, als er dann in Wirklichkeit ist.

„Und nun mal zu Ihnen!“, verkündete Professor Winter. Resolut und dennoch vorsichtig begann er rechten und linken Oberbauch der Frau durch Druck zu betasten.

Der Befund war nicht eindeutig.

Behutsam wanderten seine tief eindrückenden Hände zum Unterbauch. Durch den Wurf oder Schlag mit dem Stuhl konnten innere Verletzungen hervorgerufen worden sein.

Rose blickte forschend. „Und?“

Professor Winter hob die Achseln und unterzog Rippen und Brustbein einer Inspektion. Es war gut möglich, dass sich Frakturen oder Fissuren, also Anrisse, ergeben hatten.

Die Frau reagierte nicht auf die Druckpalpation.

Sie besaß offensichtlich eine Rossnatur. Was noch durch den Umstand erhärtet wurde, dass sie nach dem Schlag mit dem Stuhl ein Bier „nei zuung“, also hineingezogen hatte. Abschließend hatte sie sich dann noch an der Rauferei mit den Polizisten beteiligt.

Beckenkämme und Beckenring schienen auch intakt zu sein.

„Ich will mich nicht festlegen“, sagte Professor Winter, „nicht, bevor ich eine Urinprobe bekommen habe. Herr Schuster, veranlassen Sie das bitte und schicken Sie die Probe umgehend zu meiner Helferin hinauf.“

Der Medizinalassistent half der Frau vom Untersuchungstisch. „Selbstverständlich, Herr Professor!“

Mit einem Ruck blieb die Frau stehen und starrte Winter an. „Wos is der Moo? An richdicher Brafesser?“

Sie war mindestens zwei Köpfe größer als ihr Mann, was nun auch erklärlich machte, wie es ihr möglich gewesen war, ihren Mann in der Wirtschaft in ein Regal hineinzudrücken. Außerdem war der Schlag mit der Flasche bestimmt nicht zaghaft ausgefallen.

Schuster ließ sich ein Urintöpfchen reichen und delegierte die Aufsicht über den Generierungsprozess an eine Schwester.

Auf nicht sehr sicheren Füßen stakelte die Patientin vor der Schwester her in den Nebenraum.

„Wir werden sie natürlich noch röntgen“, versicherte Albert Rose seinem Freund. „Sollte sich ein besonderer Befund ergeben, verständige ich dich.“

„Das wäre mir schon lieb. Herr Schuster soll mitkommen, falls du mir die Patientin raufschickst. Ich fürchte, ich bin ihrem Naturell und ihrem Dialekt nicht gewachsen, wenn es um Details geht.“

Professor Winter verließ die Notaufnahme. Minuten später befand er sich wieder in seinem Behandlungszimmer und ließ Frau Kleinert hereinbitten.

Die Sprechstunde nahm ihren Fortgang.

Während der körperlichen Untersuchung der Frau war Renate Angern zugegen. Als es dann um persönliche Belange der Patientin ging, verfügte sich die Sprechstundenhilfe wieder an ihren Platz im Vorzimmer.

Mit der nächsten Patientin brachte sie dann eine Notiz herein. Oberarzt Rose hatte eine Urinprobe zum Quicktest herauf geschickt; sie hatte den Test angesetzt. Das Ergebnis war positiv.

Die handfeste Nürnbergerin, die ihrem Mann im Wirtshaus eine Flasche aufgesetzt hatte, war also schwanger.

„Bitte, Renate, verständigen Sie Doktor Rose von diesem Ergebnis. Er soll mir die Frau mitsamt den Röntgenbildern heraufschicken.“

Renate Angern nahm die Notiz wieder mit.

Zum Ende der Sprechstunde erschienen dann die schlagfertige Frau und der Medizinalassistent. Schuster trug mit ernster Miene die Bilder. Den Röntgenbefund kramte er nach mehrmaligem Bemühen aus der Kitteltasche.

Professor Winter runzelte etwas die Stirn. Ein Befund war eine wichtige, in der Klinikordnung sogar amtliche Angelegenheit und kein Butterbrotpapier.

Hilfsbereit klemmte Schuster die Rö-Bilder unter die Schiene am Betrachterkasten.

Die Frau drängte sich resolut an dem Assistenten vorbei und guckte etwas unsicher auf die Bilder. Dann meinte sie an Winter gewandt: „Do konn mer jo ganz deidli säign, dass mer mei ganz Hirn verschuum hadd, Herr Brafesser! Nerja, wou mer der Gerch jo das Glos am Kubf umer nander ghaud hodd.“

Schuster hielt sich am Waschbecken fest, um nicht vor Lachen hinzufallen. Professor Winter gab ihm eine angemessene Frist, um sich von dem innerlichen Lachanfall zu erholen und den nötigen Ernst an den Tag zu legen.

„Bitte, Herr Schuster, wollen Sie die Güte haben, mir das etwas verständlicher zu machen?“

„Frau Ruppert, das ist die Dame hier, hegt den Verdacht, dass es ihr das Gehirn verschoben hätte.“

„So, hegt sie? Dann sagen Sie ihr bitte, dass es sich nicht um Röntgenaufnahmen ihres Kopfes, sondern um Statusaufnahmen ihres Stütz- und Bewegungsapparates handelt und vornehmlich um eine Kontrastaufnahme des Bauchraumes. Bitte, und wer ist dieser – dieser Gerch?“

„Ihr Moo halt – ihr Mann!“ Unwillkürlich war Schuster in den heimatlichen Dialekt verfallen. „Gerch heißt Georg.“

„Aha!“, meinte Professor Winter und unterzog die Angiographie einer genauen Prüfung. Ein paar Blutergüsse, wunderschöne Hämatome, aber sonst nichts. Und im Situs von ventral eine stark verschattete, ungenau umschriebene Stelle dort, wo landläufig bei einer Schwangeren der Fötus sitzt.

Mitte bis Ende des dritten Monats, eventuell sogar Beginn des vierten, diagnostizierte er. Die Rö-Aufnahme war kurzgehalten worden, weil man dem Röntgenologen und dem Personal gottlob die Verdachtsdiagnose mitgeteilt hatte. Eine volle Röntgendosis war einem Ungeborenen nicht zuzumuten.

Wegen der Kürze der Belichtungszeit waren die bereits ausgebildeten Organe des Feten nicht kontrastreich genug auf die Platte gebannt.

Schuster posamentierte der Frau gerade im heimatlichen Dialekt auseinander, dass es sich nicht um ein Bild vom „verschuumnen“ Hirn handle, sondern vom „Moogn“.

Professor Winter deutete auf die verschattete Stelle. „Frau Ruppert, vorsichtig ausgedrückt sind Sie schwanger. Wir haben auch das Ergebnis des Urintests vorliegen. Nehmen Sie doch erst einmal Platz, bevor wir weitere Untersuchungen vornehmen. Wann hatten Sie die letzte Regel?“

Oh, sie verstand ihn plötzlich ganz gut, und ihre Gesichtsfarbe schwankte zwischen Blässe und schamhaftem Rot.

Zwar nahm sie auf dem angebotenen Stuhl Platz, aber dann wollte sie sich zu Professor Winters letzter Frage nicht äußern. „Wall wemmer ba Ihnen es Maul aafmachd, noi kräichd mer glei a Kind.“

„Das haben Sie bereits mitgebracht und schwerlich gerade jetzt in der Klinik bekommen“, erwiderte Professor Winter. „Wann also hatten Sie die letzte Regel?“

„Vor zeha Dooch, glaab i.“

„War sie wie immer?“

„Naa, wenicher, und ned sou schdarg.“

Professor Winter machte sich erste Notizen. Frau Ruppert schaute ihm argwöhnisch zu.

„Ibberhabbs vou was soll ia a Kind kräichn? Vou nix kummt nix, haassd es doch. Wall ma Gerch hoggd a der hamm läiber in Werzhaus.“

„Zwischendurch wird er ja wohl auch nach Hause gekommen sein“, vermutete Professor Winter.

Mitunter war es haarsträubend, was ihm zugemutet wurde.

„Außerdem“, fuhr er fort, „müssen Sie das wohl am besten wissen. Frau Ruppert, wenn Sie sich jetzt bitte dort hinter dem Wandschirm unten herum freimachen würden? Ich möchte Sie eingehend untersuchen. – Bitte, Herr Schuster, Sie warten solange vor der Tür. Schicken Sie meine Sprechstundenhilfe herein.“

„Waaas?“, staunte Frau Ruppert. „Naggerd auszäign? So Zeich mach i fei nedd!“

„Ja, anders kann ich Sie aber nicht untersuchen“, meinte Professor Winter, faltete die Hände und blickte die Frau geduldig an. „Und Sie wollen doch sicher Klarheit haben, oder nicht? Bedenken Sie, dass ein Stuhl Sie getroffen hat. Wenn Sie schwanger sind, müssen wir ein ganz besonderes Auge auf Sie haben. Und damit auch auf das junge Leben, das in Ihnen heranreift. Sie werden dann nämlich viel Ruhe brauchen und sich sehr schonen müssen.“

Die Frau staunte ihn an. „Schäi, wäi Sie des soogn, Herr Brafesser.“ Sie erhob sich. „Meindswechn zäig i mii aus. Aber dassi in Gerch nix der vou soogn. Wall der fengt es Spinner oo, wann der heerd, dassi mii vuur an ändern Moo naggerd auszuugn hob. Aa wanns a richdicher Brafesser is.“

Mit Schusters Fassung war es endgültig vorbei. Gerade noch, dass er sich ins Vorzimmer zu Renate Angern retten konnte. Sein wildes Gelächter drang durch die gepolsterte Tür.

Augenblicke später kam die Sprechstundenhilfe herein, schaute irritiert und begann sich dann am Schrank mit den Geräten fürs kleine Labor zu beschäftigen.

Frau Ruppert kam hinter dem Paravent hervor. Stramm und drall und fürchterlich verschämt. Ein vorwurfsvoller Blick traf Renate Angern.

„Bei solchen Untersuchungen ist immer eine Vertrauensperson anwesend“, erklärte Professor Winter. „Das geschieht zu Ihrer und zu meiner Sicherheit, Frau Ruppert. Bitte hier herüber zu diesem Stuhl.“

Er erläuterte der Frau Bedeutung und Funktion des gynäkologischen Untersuchungsstuhles und half ihr hinauf.

Scham und Neugierde hielten sich bei der Patientin in etwa die Waage. Offensichtlich war sie noch nie von einem Frauenarzt untersucht worden.

Professor Winter streifte Plastikhandschuhe über und ließ sich von Renate Angern das Spekulum reichen.

„Ganz locker und entspannt liegen, Frau Ruppert“, ermahnte er freundlich die Frau. „Es tut überhaupt nicht weh, es ist nur ein anderes Gefühl.“ Behutsam führte er das Spekulum ein und justierte es auf den Uterus.

Die untere noch betrachtbare Region zeigte das typische Bild einer fortgeschrittenen Schwangerschaft und die verstärkte Organisation von gefäßreichem Gewebe.

Langsam und einfühlsam schob er das Spekulum höher, bis er den Blasensack zweifelsfrei erkennen konnte, der den Feten einhüllte. Ein scheinbar dünnes und doch so robustes Häutchen.

Er gab Renate Angern das optische Gerät zur Desinfektion zurück, warf die Handschuhe in den Abfalleimer und wusch sich die Hände. Dann half er der Frau vom Stuhl.

„Sie können sich wieder ankleiden, Frau Ruppert.“

„Kräich i edzer a Kind?“

„Das ist schon seit wenigstens drei Monaten unterwegs“, beugte Professor Winter jeglichen Missverständnissen vor. „Wir behalten Sie für ein paar Tage hier, damit wir sicher sind, dass dem Ungeborenen heute kein Schaden zugefügt worden ist. Bettruhe wird Ihnen guttun.“

Davon war die Frau zwar nicht überzeugt, aber sie kleidete sich hinter dem Wandschirm erst einmal an.

„Wäi soog ii des edzer blouß in Gerch?“ Sie schüttelte den Kopf und nahm Professor Winter gegenüber Platz. „A Kind bassd den edzd ibber habbs net nei, wall er mouß doch in Herbst noo Brasilien, und voor a paar Dooch hodd er an Telefon gschad, hobb, Aide, dou fehrds midd.“

„Nun, dann wird er eben ohne Sie nach Brasilien fahren müssen. Aber darüber ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich würde vorschlagen, Sie lassen sich hier in der Klinik gründlich untersuchen, auch auf Tropentauglichkeit, wo Sie nun schon einmal da sind. Wenn es von ärztlicher Seite keine Bedenken gibt, können Sie durchaus Ihren Mann auf seiner Reise begleiten.“

Das klang verlockend in ihren Ohren, er merkte es an der Reaktion. Sie taute sichtlich auf. Und so hatte er keine Schwierigkeiten bei der Erhebung der persönlichen und der Familienanamnese.

Außer den üblichen Kinderkrankheiten und einer Familie, in der Krankheit weitgehend unbekannt war, kam nichts Aufregendes dabei heraus.

Wie er schon vermutet hatte, war die Patientin noch nie bei einem Frauenarzt gewesen. Unter diesen Umständen war die Frage nach Vorsorgeuntersuchungen müßig. Er erläuterte ihr jedoch, wie wichtig solche Untersuchungen waren, auch für junge Frauen, und überreichte ihr ein Merkblatt.

Zwischendurch beauftragte er Renate Angern, auf Station 3 b nach einem freien Bett zu fahnden und die Einweisung der Frau in die Wege zu leiten.

Frau Ruppert schaute ihn zwar an, als unterstelle sie ihm, er wolle nur die Betten gefüllt halten, doch er hatte viele gute Gründe für seine Maßnahme. Ihm waren Fälle bekannt, wo man Patienten nach scheinbaren Bagatellunfällen gleich wieder hatte gehen lassen, und ein oder zwei Tage später war es dann zu schweren Sensationen gekommen.

Frau Ruppert wäre nicht die erste Patientin gewesen, die ihr Baby hätte verlieren können. Und leider auch nicht die letzte.

Wenn das Unheil dann aber erst einmal geschehen war, wurde von den Ärzten ein Wunder nach dem anderen erwartet, vordringlich jenes, dass die Betreffende ihr Baby behielt.

Da half manchmal nur noch striktes Bettliegen bis zum Ende der Schwangerschaft. Mit Medikamenten allein war da kaum noch auszukommen.

Renate Angern meldete ein freies Bett. Eine Schwester hatte sie auch schon hergebeten.

Professor Winter brachte Frau Ruppert hinaus, unterschrieb die Einweisung und überließ es der Sprechstundenhilfe, die Fragen nach der Kassenzugehörigkeit und den übrigen unerlässlichen Dingen zu Regeln. Schuster hatte den Ort, wo fränkische Mundart elementar gewaltet hatte, verlassen und war vermutlich zurück in die Chirurgie geflüchtet.

Winter rief Albert Rose an und erläuterte ihm, dass und warum die Frau für einige Tage zur Beobachtung dabehalten wurde. Abschließend ließ er noch die Frage nach dem Befinden von Georg Ruppert einfließen.

„Der muss einen Schädel aus Eisen haben“, sagte Albert Rose fast bewundernd. „Wie die Polizisten sagen, hat es sich um eine noch verschlossene Schnapsflasche gehandelt, die sie ihm übergezogen hat. Die Flasche ist dabei zu Bruch gegangen. Wir haben ihm eine Hand voll Glassplitter aus der Kopfschwarte gezogen. Apropos Polizei! Die Herren hätten gerne noch deine neue Patientin einvernommen.“

„Momentan könnte ich guten Gewissens keine Gründe anführen, die dem Wunsch der Herren entgegenstehen“, sagte Professor Winter. „Sie sollen sich in einer Stunde auf 3 b bei Kollege Mittler melden, ich werde ihn dahingehend instruieren.“

„Sei bedankt, dann habe ich sie hier weg. Polizei auf dem Flur ist nicht gerade die ideale Reklame.“

„Für die Gynäkologie zwar auch nicht, aber es ist mal was anderes.“ Nach dem Gespräch informierte er Doktor Hermann Mittler, den Oberarzt der Stationen 3a und 3b. Die Einvernahme solle nur im Beisein eines Arztes gestattet werden und sei notfalls abzubrechen, wenn sich bei der Patientin Folgen der handgreiflichen Auseinandersetzung in der Wirtschaft zeigen sollten.

Doktor Mittler versprach es hoch und heilig.



3

Bei der Abendvisite ergab sich, dass das „Urviech“, wie Frau Ruppert im Stationsjargon sofort liebevoll getauft worden war, schon für einigen neuerlichen Trubel gesorgt hatte.

Dem einen Polizisten hatte sie eine „Schelln“ angeboten, und den anderen hatte sie samt Schreibzeug eigenhändig aus dem Zimmer werfen wollen. Angesichts der Walkürengestalt war die uniformierte Staatsgewalt gewichen, nicht ohne zuvor anzudeuten, dass man wiederkäme.

„Sie können mit den Polizisten nicht so grob umspringen“, mahnte Professor Winter die Frau.

„Däi zammzubfden Doldi!“, wetterte die Frau. „Däi Bolledsisden heidzerdooch sin aa nimmer des, wos amol worn. Ka richdiche Mannsbilder, hechsdens sou Rudzleffl däi was nouni droggn hinder die Ohn sin.“

„Nun regen Sie sich nicht auf“, beschwichtigte er. „Die Leute tun doch auch nur ihre Pflicht. Versprechen Sie mir, dass Sie morgen friedlich mit den Herrn umspringen?“

Sie blickte ihn fast schelmisch an. „Wenn Sie wolln scho, Herr Brafesser.“

„Mir wäre sehr viel daran gelegen.“ Schmunzelnd ging er hinaus.

Gegenüber tauchten zwei Schwestern in höchster Eile ins Verbandzimmer. Vergebens, denn ihr Gekichere drang durch die Tür.

Na ja, dachte Florian Winter, Lachen ist gesund! Diese Frau ist ja eine umwerfende Nudel!

Er sah sich die Patienten an, die morgen zur Operation vorgesehen waren, führte mit jeder Frau ein intensives Gespräch und setzte sich dann im Ärztezimmer mit seinem Freund Bernd Schimanski zusammen, der Oberarzt, Chefanästhesist und Leiter der Intensivstation war.

Sie sprachen die Operationsfälle des kommenden Tages durch, durchforsteten die letzten Laborberichte nach Fakten, die es angeraten sein ließen, den Eingriff aufzuschieben, und stellten den vorläufigen Operationsplan für die Frühbesprechung aller Ärzte auf.

Doktor Schimanski räumte seine Unterlagen zusammen und bündelte sie sorgfältig. Er dehnte die Schultern und meinte ächzend: „Wird höchste Zeit, dass ich mal wieder eine andere Umgebung sehe. Der Tag war endlos lang. Guten Abend, Florian.“

Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete er sich.

Ein wahres Wort, endlos lang, bestätigte Professor Winter in Gedanken.

Er schaltete das Licht aus und machte sich auf den Weg, um die Berichte und Briefe zu unterschreiben, die Renate Angern gewiss noch getippt hatte.

Sehr weit kam er nicht. Drei Zimmertüren weiter walzte ihm die beinahe unverwüstliche Stationsschwester Else in den Weg. Und was überaus selten an ihr zu beobachten war, sie war einigermaßen außer Fassung.

Schon ihrer Miene entnahm er, dass Unerhörtes vorgefallen war und dass sie ihn davon in Kenntnis zu setzen gedachte.

Da bekanntermaßen nichts auf der Welt mehr unerwünschte Ohren hat wie ein Krankenhausflur, lockte Schwester Else den Professor in ihre bescheidene Kemenate und wies ihm in ihrer vorurteilslosen Art den einzigen Stuhl an. Ächzend ließ sie sich auf dem schmalen Notbett an der Wand nieder.

„Haben Sie schon gehört, Herr Professor, was die Verwaltung uns an Gemeinheiten in die Schuhe schiebt?“, prustete sie endlich empört los.

„Nein. Welcher Art sind diese Gemeinheiten?“, fragte er höflich und ruhig. Die gute Else steckte zwar leidenschaftlich gern die Nase in Dinge, die sie grundsätzlich nichts angingen, aber sie bewahrte strenges Stillschweigen. So genoss sie den Ruf, die bestinformierte Kraft der Klinik und zugleich die verschwiegenste zu sein.

„Morgen wollen die alle Chefs und Oberärzte zusammenstauchen, sogar den Herrn Primarius Faulhaber, stellen Sie sich das mal vor!“

„Das wird ein fröhliches Schlachten!“, ulkte Florian Winter. „Was hat die Ärzteschaft diesmal verbrochen?“

„Es ist wegen dem Reinigungspersonal“, raunte Schwester Else mit Verschwörer stimme. „In den letzten drei Monaten sollen sich neun Leute an herumliegenden alten Spritzen und vergessenen Kanülen gestochen haben! Dabei beachten wir die Sicherheitsbestimmungen ganz genau, und ich überzeuge mich ja auch immer, dass das Material sofort nach Gebrauch in die Sammelgläser kommt. Also, entweder muss da jemand glattweg in die Behälter gegriffen haben, um sich ’ne Vergiftung zu beschaffen, oder die Leute lügen das Blaue vom Himmel herunter.“

„Na, vielleicht regnet es deswegen so viel“, versuchte Florian Winter einen Scherz anzubringen. Doch Schwester Else hatte kein Ohr dafür.

„Sechsmal bei uns auf der Frauenstation und der geburtshilflichen, aber bloß dreimal auf der chirurgischen. Die Innere ist natürlich fein heraus, da tragen offensichtlich die Englein das gebrauchte Spritzenmaterial fort. Jedenfalls hat sich dort niemand gestochen.“

Sie blickte böse.

Das klang nun wahrhaftig unerfreulich. Professor Winter runzelte die Stirn.

Gebrauchtes Spritzen und Kanülenmaterial mussten sorgfältig gesammelt und zweimal am Tag an einer zentralen Stelle der Klinik zur endgültigen Vernichtung abgeliefert werden.

Es durfte nicht vorkommen, dass sich jemand an einer alten Kanüle stach. Dennoch kam es gelegentlich vor. Aber doch nicht neunmal in relativ kurzer Zeit! Und dann ausgerechnet noch beim Reinigungspersonal!

Die Leute waren gehalten, solches Material an Ort und Stelle liegenzulassen und die zuständige Schwester zu informieren. Oder den Stationsarzt.

Jedenfalls stand es so auf dem Papier. Auf den Belehrungsbögen, die die Leute immer wieder in die Hand gedrückt bekamen. Das Reinigungspersonal war von der Klinikverwaltung angestellt. Man hatte mit einem Reinigungsunternehmen vor einigen Jahren keine guten Erfahrungen gemacht.

Florian Winter wusste selber, dass Papier sehr geduldig war und dass die Leute, wenn sie eine vergessene Kanüle fanden, diese kurzerhand zum medizinischen Sonderabfall packten und kein Aufhebens davon machten.

Aber dass sich die Leute so unvorsichtig anstellten, war wirklich erschütternd.

„Die Verwaltung hat eine schöne Rechnung aufgemacht“, fuhr Schwester Else fort. „Erstens einmal hat sie den Betroffenen die teure Gammaglobulin-Behandlung bezahlen müssen, und Sie wissen ja selber, was das kostet. Und dann wurden die Leute auch noch drei Wochen in vollbezahlten Erholungsurlaub geschickt. Sie, das läppert sich tüchtig zusammen.“

„Ohne Frage, Schwester Else. Zum Kuckuck, es kann doch nicht wahr sein, dass hier einfach gebrauchte Kanülen so herumliegen, dass jemand unbeabsichtigt hineingreift!“

„Fragen Sie mich bitte was Leichteres!“, meinte Schwester Else. „Es passiert ja in jeder Klinik mal was in dieser Richtung, aber doch nicht so häufig und in dem Umfang.“

„Womit Sie recht haben“, pflichtete er bei.

Nicht nur, dass sich jemand eine schwere Sepsis fangen konnte, das ging bis zur infektiösen Hepatitis und weiter. Wenn jemand mit einem vergleichsweise harmlosen anmutenden Spritzenabszess davonkam, war er als Glückskind zu betrachten.

Was für die versteckte Hepatitis infectiosa galt, traf natürlich auch auf die erkannte zu. Bloß ging man mit dem Material bei solchen Patienten sofort viel gewissenhafter und pingeliger um und schaffte es gleich zur Vernichtung.

„Wir werden den Vorwurf des Schlendrians nicht auf uns sitzen lassen, seien Sie dessen versichert“, sagte Florian Winter. „Halten Sie dennoch die Augen auf, Schwester. Ich kann nicht hinter jedem meiner Ärzte stehen und auch noch kontrollieren, wohin er die Spritzen legt. Instruieren Sie die Schwestern. Ich werde morgen Stichproben machen. Und sollte ich Anlass haben, jemand zu rügen, dann werde ich mich nicht scheuen, notfalls auch den Kopf rollen zu lassen. Eine Abteilung hat schnell einen schlechten Ruf weg, auch wenn dem Geschwätz jeglicher greifbare Beweis fehlt. Ich werde jedenfalls rücksichtslos durchgreifen.“

„Es war Ihre Pflicht, mich vorab zu informieren, Schwester Else. Wir arbeiten schließlich lange genug zusammen. Da hat man keine Heimlichkeiten.“

Florian Winter ging zu seinem Sprechzimmer. Renate Angern hatte ihm die Unterschriftenmappe hingelegt.

Die Uhr in der Halle über dem Empfang zeigte zehn Minuten nach acht Uhr, als er endlich die Klinik verließ. Die meisten seiner Ärzte waren schon seit zwei oder drei Stunden daheim.